Umsatz ist blöd

24. Januar 2010
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Abends in Falkensee, einer Stadt mit über 40.000 Einwohnern. Ich habe, wie so oft, erst später Feierabend.

Aber irgendwann ist der Job gemacht. Die Familie schläft schon – ich habe Lust auf einen Absacker. Am Bahnhof Falkensee gibt es eine Kneipe, ich freue mich auf ein schönes, frisch gezapftes Pils. Und vielleicht, wenn es sich ergibt, ein interessantes Gespräch. Vor der Tür: Endstation. Hinter dem Schild “Geöffnet bis mindestens 1 Uhr” ist es dunkel. Uhrzeit: kurz nach 11. Das Kippfenster über dem Eingang ist zwar offen (bei -10 Grad draußen), aber drinnen ist der Tresen schon gereinigt, das Personal ist gegangen.

Ein Stück die Bahnhofstraße runter. Schräg gegenüber dem Rathaus gibt es noch einen Laden – der ist auch noch offen. Ich nehme am Tresen Platz, um die Ecke sitzt ein Mann vor seinem kleinen Pils und einem doppelten Whisky, es waren offenbar nicht die ersten. Im Nebenraum unterhalten sich noch ein paar Leute. Die junge Dame (JD) hinter dem Tresen verabschiedet gerade ein paar andere Gäste.  Und beginnt dann, ihren Tresen trocken zu wischen. Dann dreht sich JD um und sortiert ein paar Zettel neben der Kasse.

Nach etwa 7-8 Minuten wagt JD es doch, mich anzuschauen. “Wir schließen jetzt.” Ich wünsche erstmal einen guten Abend und frage: “Warum? Kurz nach 11?” “Nein, wir schließen jetzt.” Immerhin, ein Bier bietet mir JD noch an. Ich akzeptiere dankend. Der Durst ist groß, das Pils kommt, ich darf aber noch nicht trinken. “Dreizwanzich!” Kurz darauf merkt JD immerhin selbst, dass das Bier nur 3,10 kostet. Ist ja auch nicht so wichtig. Ich lege einen Schein auf den Tresen und trinke.

Es schmeckt, der Durst ist wie gesagt groß, das Bier vergleichsweise klein. Um genau zu sein, es ist nach wenigen Minuten leer. Der Schein liegt immer noch da. JD putzt direkt vor mir den Tresen. JD zählt ihr Geld. Der mit dem Whisky hätte gerne ein Taxi. JD ruft an. Taxi kommt in einer Viertelstunde. JD fragt noch mal nach 3,10. Ich stiere auf den Schein vor ihr, da entdeckt sie ihn auch. Wechselgeld kommt, Taxi erstmal nicht. In der Zwischenzeit wäre mein zweites Bier leer gewesen – ich hätte wohl auch noch ein drittes genommen. Der Taxifahrer kommt – der Mann mit dem Whisky muss noch austrinken. Die übrigen Gäste gehen, ich bin jetzt schon eine knappe halbe Stunde hier. Der Mann mit dem Whisky im Bauch wird vom Taxifahrer nach draußen geführt. Ich gehe dann auch. JD putzt Tresen.

Ich hätte gerne noch ein paar Euro mehr Umsatz gemacht, auch Trinkgeld gegeben. Aber JD´s absoluter Unwille, das zu tun, wofür man eigentlich in einer Kneipe arbeitet – nämlich Getränke zu verkaufen – hat mir fast die Sprache verschlagen. Immerhin, ein Pils war ja drin.

Es war einer meiner sehr seltenen Besuche in diesem Laden, frühere Erlebnisse waren zwar nicht ganz so extrem, aber bisweilen ähnlich.

Und die andere Kneipe (“Geöffnet mindestens bis 1 Uhr”) war ohnehin zu. Dort probiere ich es ein paar Tage später noch einmal. Ich habe sogar Glück und treffe nette Bekannte, die allerdings leider nicht mehr lange bleiben. Auch meine gute Laune bleibt nicht lange. Nach einem Klobesuch, der vermutlich rund die Hälfte meiner Geruchszellen langfristig geschädigt hat, wundere ich mich, wie viele benutzte Papierhandtücher man unter dem Waschbecken stapeln kann. Als ich in den Gastraum zurückkomme, empfängt mich Ohren betäubendes Techno-Gehämmer. Ein Titel, mindestens eine halbe Stunde lang. Unterhaltung unmöglich. Dann legt eine JD (ja, auch dort arbeiten junge Damen) eine neue CD ein. Was daraufhin durch den Laden dröhnt, ist auch nicht wirklich mein Fall. Dabei ist mein Musikgeschmack durchaus vielseitig. Vor allem ist es laut. Bevor noch weitere meiner Zellen in Mitleidenschaft gezogen werden, trinke ich aus und gehe. Bin hier offenbar ohnehin nicht erwünscht.

Schade eigentlich. Denn weitere Alternativen gibt es meines Wissens nicht in Falkensee. Generation Ü40 und spät am Abend unterwegs? Lust auf ein Bier und einen kleinen Small Talk?

Liebe Leute, in Falkensee bitte nur an Freitagen und Samstagen. Oder zum Griechen an der Stadthalle. Dort ist man auch nicht böse, wenn es nur ein Bier sein soll, man kann sogar noch weitere bekommen ;-) . Ansonsten will Euer Geld Keiner haben.

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One Response to Umsatz ist blöd

  1. [...] Ein Nachbar kommt mit seinem Fahrrad vorbei und sagt: “Rach hat nix gebracht – die hatten das Geschäft nicht kapiert. Wir saßen oft oben, haben Billard gespielt oder Fernsehen geguckt – glaubste, da wär mal einer gekommen und hätte ein Bier gebracht? Nix….” Komisch, wieso habe ich gerade ein Dejavu? [...]

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