53 Sekunden veranschlagt Google Maps für die Strecke. Das funktioniert auch meistens. Aber nicht an einem ganz normalen Werktag, kurz nach halb Zwei. Denn dann spucken an der Ruppiner Straße die Schulen nach der sechsten Stunde hunderte Schüler gleichzeitig auf die Straße – und für eine Weile sind alle Regeln außer Kraft gesetzt.
Ich fahre auf der Fehrbelliner Straße Richtung Ruppiner. Die Kreuzung an der Erich-Kästner-Grundschule funktioniert noch einigermaßen. Kurz danach aber kommt erst auf der linken, dann auf der rechten Seite eine Bushaltestelle. Der Gehweg ist völlig überfüllt, immer wieder stolpert ein geschubstes Kind auf die Fahrbahn, wo ohnehin schon Erst- und Zweitklässler auf Fahrrädern verzweifelt versuchen, um den Pulk herumzueiern. Schritttempo zu fahren ist hier noch zu gefährlich.
Kurz vor der Kreuzung mit der Ruppiner Straße vor der alten Poliklinik parken auf beiden Seiten Autos, zumeist mit Müttern darin. Verzweifelt versuchen sie, im Strom, der sich aus dem Lise-Meitner-Gymnasium wälzt, den eigenen Sprößling zu identifizieren, um dann mit Lichthupe, Hupe und hektischem Winken auf sich aufmerksam zu machen. Das Kind soll ja bloß keinen Meter mehr als nötig zu Fuß zurücklegen.
Verbieten die runden, blau-roten Schilder dort nicht eigentlich das Halten? Schon, aber doch nicht für eine wartende Mutter, die seit der Zeugung mit allen Sonderrechten ausgestattet ist und nur deshalb auf das Blaulicht verzichten muss, weil die Hersteller der Familienkutschen es nicht anbieten.
Nachdem ich den Slalom zwischen den Nachwuchs-Transportern absolviert habe, folgt die nächste Schrecksekunde. Vollbremsung. Zwei Gymnasiasten auf Fahrrädern wollen sich offensichtlich die anstrengenden Abiprüfungen gar nicht mehr antun und ignorieren mich.
Ihre Lebensplanung scheint eher auf einen längerfristigen Krankenhausaufenthalt und gleichzeitige Schmerzensgeldforderungen ausgelegt zu sein. Vielleicht ist Papa ja Jurist, der dem Autofahrer die Schuld auch dann noch reindrückt, wenn der von rechts kommt.
Ich schaffe es, rechtzeitig zum Stehen zu kommen – etwa 20 Zentimeter fehlen bis zur Kollision. Der Schüler, den ich als erstes erwischt hätte, hebt die Hand. Na wenigstens entschuldigt er sich, denke ich. Weit gefehlt, die Kraftanstrengung reicht nur für einen Finger. Den mittleren.
Die beiden sind vorbei, ich darf endlich abbiegen. Um die Ecke herum warten die nächsten Mutter-Mobile. Trotz Halteverbots. Ob ein Linienbus kommt, ist auch egal. Um die Abhol-Mamas herum herrscht ohnehin der Fahrradstrom. Hintereinander zu fahren ist für die Radler offenkundig unmöglich – schließlich müssen ja noch diverse Gesprächsthemen aufgearbeitet werden, für die während des Unterrichts zu wenig Zeit war.
Ein Transporter, laut Aufschrift von einer Handwerker-Firma, beginnt, eine Gruppe zu überholen, die das Prinzip der Viererkette bestens verinnerlicht hat. Als der Ford Transit sich daneben gequetscht hat, biegt weiter vorne Gegenverkehr um die Ecke. Der Handwerker will den Überholvorgang abbrechen – zurück nach rechts kann er aber nicht, weil von hinten schon die nächsten Dreier- und Vierergruppen nachdrängen.
Der Transit hält zwangsweise am linken Fahrbahnrand an – vor ihm kommt der Gegenverkehr zum Stehen, rechts schiebt sich der Fahrradstrom an ihm vorbei. Glück für ihn, dass ich mitten im Strom bin und ihn wieder zurück auf die richtige Seite lassen möchte. Aber so einfach ist das nicht.
Die Gymnasiasten hinter mir sind flexibel, ziehen links an mir vorbei und dann rechts am Transporter. Und formieren sich diszipliniert sofort wieder in der Viererkette. In den Autos wird wild gestikuliert, jeder zweite Radfahrer hat für die vierrädrige Konkurrenz einen Mittelfinger übrig. Aber schließlich werden wir doch gnädig wieder in den Strom aufgenommen.
Bleibt nur noch die Aufgabe, von der Ruppiner Straße links in die Falkenhagener einzubiegen. Rausgewunken wird man dort ganz selten. Die Chance ergibt sich manchmal, wenn die Fußgängerampel 50 Meter weiter für die Autos Rot zeigt. Aber nur, wenn nicht der übliche Volltrottel mitten auf der Kreuzung genau quer vor mir stehenbleibt.
Die Ampel wird grün, der Trottel darf fahren – aber ich muss weiter warten, weil inzwischen von rechts wieder Verkehr kommt. Ich warte darauf, dass ein Schüler wieder auf den Knopf an der Fußgängerampel drückt. Wenigstens dafür sind die radfahrenden Horden gut. Sie verschaffen mir die nächste Chance, in die Freiheit zu kommen.
Raus – in den normalen Straßenverkehr.







endlich spricht es mal einer an, meine eltern haben mir schon als ick klein war gepredigt das man keine 4er ketten fährt. aber anscheint ist es dem gelobten abi anwärter egal. ich warte schon auf den tag wenn doch mal einer anhält nach so einem beinahe unfall und dem doch achso gut gebildeteten fahrrad fahrer die grundlagen des fahrens so wie der ernsthaften auseinandersetzung mit einem auto erklärt. die muttis die ihre fast 18 jährigen kinder noch von der schule abholen sind anscheind gut dressiert. meiner einer durfte noch damals laufen wenn das fahrrad kaputt war da kam keine mama oder papa mitm auto angefahren.
was vielleicht auch mal abschreckend wäre für den nachwuchs die super fahrrad cops die bald wieder durch fks fahren und dann schön immer nen 10er kassiern für falsches fahren auf der straße oder auf dem fußgänger weg… da freut sich die kasse
GENAU so ist es. Viererkette. Und keiner mehr mit Helm…
Sag mal sitzt Du täglich in meinem Auto ?
Dieses Szenario erlebe ich fast jeden Tag, ein Kind auf der Kästner Schule und das andere Kind in der KITA gegenüber dem Gymnasium.
Ich finde diese Falkenseer Fahrradpolizei sollte mal die Gymnasiasten bei der Heimfahrt kontrollieren (4er Gespann) und zwar nicht nur mit Abmahnungen sondern mit 5 € Bußgeld, ich denke das würde vielleicht auf Dauer mal helfen.
Aber leider sieht die Realität anders aus, denn das Überfahren (statt Gehen) der Ampel mit dem Fahrrad ist ja wichtiger.
Zumal ich sagen muss das es doch viel besser ist wenn die Kids fahren statt schieben, denn so kommen viel mehr mit einmal über die Straße, statt morgens/ nachmittags im 30 Sekunden Dauer-Ampel-Rot-Nerv als Autofahrer zu stehen.
Tja, ich hab auch ein Kind in der Kästner und wohne nicht weit vom Gymnasium……